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Gotan Project: «Das Copyright ist sehr sinnvoll»
November 1st, 2008 by Bartosz Wilczek

Der in Paris lebende Schweizer Musiker Christoph H. Müller spricht über Musik im Zeitalter des Internets, über neue Projekte und wann es Gotan Project das nächste Mal live in der Schweiz zu hören gibt.

Gotan G 01 in Gotan Project: «Das Copyright ist sehr sinnvoll»

«Ich liebe Musik als Objekt, in Form einer CD oder einer Platte»: Christoph H. Müller (Mitte).

Tango für das neue Jahrtausend: 2001 veröffentlichte das französisch-argentinisch-schweizerische Trio Gotan Project ihr Debütalbum. «La Revancha del Tango», eine Fusion aus Tango und elektronischen Beats, hat sich weltweit über eine Million Mal verkauft. 2006 folgte mit «Lunático» das zweite Studioalbum. Christoph H. Müller, der Schweizer Part von Gotan Project, verrät, wann das dritte Studioalbum herauskommt und weshalb man das Copyright auch im Internetzeitalter nicht aufgeben sollte.

Herr Müller, welche Alben haben Sie sich zuletzt gekauft?
«Carried to Dust» von Calexico zum Beispiel. Deren CDs bekomme ich zwar meistens geschenkt, diese habe ich mir aber gerne gekauft. Und dann noch die neuen CDs von Fujiya & Miyagi, Roots Manuva und von Umalali aus Belize.

Sie kaufen also weiterhin vorwiegend CDs? Immer mehr Musikkonsumenten holen sich die Musik vornehmlich aus dem Internet. In Downloadshops gibt es die Songs bequem per Mausklick.
Ich liebe Musik als Objekt, in Form einer CD oder einer Platte. Ich stöbere gerne in Platten- und Secondhand-Läden, lasse mich vom Angebot überraschen und kaufe mir viele CDs und Platten. Und natürlich nutze ich daneben auch Downloadshops, dabei aber vor allem spezialisierte Websites wie bleep.com. Über bleeb.com bin ich übrigens auf Fujiya & Miyagi gestossen.

Neben kostenpflichtigen Plattformen wie iTunes oder MySpace Music gibt es zahlreiche, zum Teil auch illegale Download-Websites, die keine Lizenzabkommen mit den Plattenfirmen haben, und die Songs kostenlos anbieten. Vor diesem Hintergrund sprechen sich Branchenkenner wie Peter Jenner, Ex-Manager von Pink Floyd, gegen das exklusive Urheberrecht aus, schliesslich seien Copyrights heutzutage kaum noch durchsetzbar. Einverstanden?
Nein. Das Copyright ist sehr sinnvoll. Man sollte sich wirklich zweimal überlegen, ob man das aufgibt. Zumal es sehr lange gedauert hat, das Copyright durchzusetzen. Unsere Kultur hat so viel hervorgebracht, und es entsteht immer noch sehr viel Neues, selbstverständlich auch in der Musik. Diese neuen Ideen müssen doch geschützt werden.

37 Milliarden Dollar wurden im Jahr 2000 durch CD-Verkäufe erzielt. Heute sind es sieben Milliarden weniger, weil viele Musikkonsumenten auf Download-Angebote umsteigen. Macht Ihnen das als Musiker Sorgen?
Es gibt heutzutage wirklich Wichtigeres, über das man sich Sorgen machen könnte. Aber ja: Für Musiker haben diese Entwicklungen negative Auswirkungen. Es werden weniger CDs verkauft, gleichzeitig bietet das Download-Geschäft noch keine Kompensation. Ich glaube aber nicht, dass der illegale Download alleine den Musikmarkt zerstört hat. CDs waren und sind noch immer viel zu teuer. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Kosten für die Produktion der CDs in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen sind. Diese Kostenreduktion wurde aber nicht auf den Konsumenten übertragen. Dafür wurde das Marketing immer wichtiger und die Kosten schossen in die Höhe. Ebenfalls wurde von Seiten der grossen Labels wenig in neue kreative Musik investiert. Nun sind sie selbst schuld, dass die CD-Verkäufe einbrechen.

Dass Musik im Internet erschwinglicher wird, ist aus Sicht der Musikkonsumenten aber zu begrüssen.
Klar können Musikkonsumenten Songs sehr günstig und zum Teil sogar gratis downloaden. Das geht aber auf Kosten der Klangqualität. Die technische Entwicklung ist beinahe absurd. Auf der einen Seite kann man die Songs in fantastisch ausgerüsteten Tonstudios in nahezu perfekter Qualität aufnehmen, in Frequenzen sogar, die für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbar sind. Auf der anderen Seite liefert man die Songs in einer Qualität an das Publikum, wie man es zuletzt vom Grammophon kannte, um es überspitzt zu formulieren. Die MP3-Qualität ist schlecht. Und langfristig könnten sich die Musikliebhaber an diese schlechte Qualität gewöhnen.

Mit 200 Millionen Nutzern, davon rund fünf Millionen Bands, ist MySpace ein weltweites Phänomen. Wie schätzen Sie das soziale Netzwerk ein?
Ein Profil bei MySpace kann man mit einer Vitrine vergleichen. Eine Band kann sich und ihre Musik einem grösseren Publikum präsentieren. Musikfans wiederum können dort einen ersten Eindruck von der Band gewinnen und schnell reagieren, wenn ihnen etwas gefällt.

Ende September hat MySpace mit MySpace Music eine eigene Download-Plattform lanciert und als Konkurrenz zu Apples iTunes positioniert. Streaming-Angebote sollen gratis bleiben, das Download-Angebot wird aber kostenpflichtig.
Konkurrenz ist grundsätzlich gut. Beide Plattformen bedienen aber eher den Mainstream-Geschmack. Wie gesagt, ich nutze auch Download-Plattformen, konzentriere mich aber auf musikalisch spezialisierte Websites. Dass MySpace nun auch Downloads zum Kaufpreis anbietet, finde ich grundsätzlich schade, weil dies gegen die ursprüngliche Idee von MySpace geht.

Nämlich?
Die ursprüngliche Idee von MySpace hatte doch anarchische Züge. Bands sollten eine eigene Plattform erhalten, um sich darzustellen. Heute geht es um das grosse Business.

Welche Erfahrungen haben Sie mit MySpace gemacht?
MySpace ist natürlich auch ein Netzwerk für Musiker. Das Profil von Gotan Project wird zwar von unserem Musiklabel unterhalten. Mit meinem Nebenprojekt Radiokijada bin ich aber mit einem eigenen Profil bei MySpace aktiv und vernetze mich mit anderen Musikern. Auf diesem Wege kamen schon unterschiedliche Kooperationen zustande – zum Beispiel habe ich Bands für Remixes von Radiokijada kontaktiert.

Um was geht es bei Radiokijada?
Zusammen mit dem peruanischen Perkussionisten Rodolfo Muñoz arbeite ich seit 2003 quasi zwischen Paris und Lima an Radiokijada. Dabei handelt es sich um afro-peruanischen Sound, die Musik und Kultur der hautsächlich schwarzen Bevölkerung der Pazifik-Küste Perus. Garantiert ohne Panflöte also! Im November kommt eine EP mit vier Stücken heraus. Und nächstes Jahr gibt es dann das erste Album.

Nach «La Revancha del Tango» 2001 mussten sich die Fans sechs Jahre auf «Lunático», das zweite Studioalbum von Gotan Project, gedulden. Wann kommt das dritte Studioalbum heraus?
Voraussichtlich 2010. Wir wollen uns Zeit nehmen. Es wird so viel produziert. Der Markt wird quasi überschwemmt. Wir wollen etwas produzieren, das Wert hat und relevant ist. Diesen November veröffentlichen wir aber eine Box, mit zahlreichen Specials, etwa einer Doppel-CD mit Live-Aufnahmen, einer Vinyl-Single, einer DVD und einem Fotoband.

Gibt es dabei auch neues Material zu hören?
Wir haben je ein Stück aus den beiden Studioalben im Stil des klassischen Tangos neu arrangiert. Das ist für uns ein intellektuelles Spiel. Auf unseren Alben haben wir den klassischen Tango in die Moderne überführt. Nun nehmen wir diese modernen Tango-Versionen und bringen sie wieder zurück zu ihrem Ursprung.

Und wann kommt Gotan Project in die Schweiz?
Wir spielen am 5. Dezember in Lausanne, im Les Docks. Das ist dieses Jahr leider unser einziges Konzert in der Schweiz.

Von Bartosz Wilczek

Radiokijada bei MySpace

Gotan Project

Gotan Project bei MySpace


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